01.09.2017
Dr. Ingrid Bläumauer

Eheberatung beim Scheidungsanwalt - ein Widerspruch?

Eine deutsche Frauenzeitschrift empfahl in einer ihrer letzten Ausgaben (Donne 6/2017) unter dem Titel "Denken Sie an Trennung? Denken Sie um!" doch glatt Scheidungsanwälte um Rat zu bitten, damit es nicht so weit kommt.

 

Ich las den Artikel mit großer Skepsis, zumal gleich die Einleitung Klischees bediente, die ich so gar nicht leiden kann: "Scheidungsanwälte sind mittendrin, wenn Ehen auseinander gehen. Wenn´s übel wird. Traurig. Würdelos."

 

Dann werden Anwältinnen nach den häufigsten Scheidungsgründen befragt, die sie in den anstrengenden Kindern bzw. dem ebenso anstrengenden Hausbau sehen oder darin, dass manche ihren Job mit ins Privatleben nehmen. Von Frauen in Führungspositionen, die abends zuhause einrauschen wie Ausläufer des Nordatlantik Tiefs und wieder Schliff in den Laden bringen, wird berichtet.

 

Sie schütteln den Kopf? Ich auch. Empfohlen wurde: "Miteinander reden über das Leben im Allgemeinen und ..." - den Rest erspar ich Ihnen.

 

Verärgert warf ich das Heft aus der Hängematte.

 

Als ich später einen langen Strandlauf machte, fiel mir ein, dass ich tatsächlich schon einige Scheidungswillige zum Umdenken brachte. Allerdings nicht mit Ehe-Tipps. Ganz im Gegenteil.

 

Manchen wurde erst durch mein Schreiben, in dem ich den Scheidungswunsch des von mir vertretenen Partners ankündigte, bewusst, wie unglücklich dieser ist bzw. wie schlecht es um die Ehe steht. Sie wurden durch mein Einschreiten regelrecht aufgerüttelt. Für viele ist der Gang zur Scheidungsanwältin eine Art Hilfeschrei, weil sie der Partner nicht mehr wahrnimmt und sie nicht mehr weiter wissen. Paartherapien und Eheberatungen sind häufig schon gescheitert oder der Partner ist dazu nicht bereit.

 

Anderen wiederum wird erst nach ausführlicher Rechtsberatung bewusst, wie ihre finanzielle Situation nach einer Scheidung aussehen würde. Auch dies bewegt manche dazu, verheiratet zu bleiben.

 

So gesehen kann man als Anwältin auch in Hinblick auf den Fortbestand der Ehe bzw. das weitere Zusammenleben gute Dienste leisten, wenn auch aus einer ungewöhnlichen Perspektive.

 

Die Eheberatung beim Scheidungsanwalt ist also kein Widerspruch.

 

 

 

Dr. Ingrid Bläumauer

 

 

 

P.S. Falls es doch nicht klappt: Scheidungen sind nicht in jedem Fall übel oder traurig und schon gar nicht würdelos!