Skip to main content
Allgemein

Was der London Marathon mit Kanzleiarbeit gemeinsam hat

42,195 Kilometer lehren viel über Strategie, Ausdauer und Entscheidungen unter Druck.

26. April 2026

Manche Entscheidungen trifft man nicht aus einer Laune heraus, sondern mit einem gewissen inneren Nachdruck. Die Anmeldung zum London Marathon war so eine.

Mein dritter Marathon – und bewusst als persönliches Projekt gewählt. Nicht, weil es naheliegend ist, sondern weil es fordert. Eine Konstellation, die ich auch aus meinem beruflichen Alltag kenne.

 

Vorbereitung: Die stille Phase der Wertschöpfung

Was nach außen wie ein einzelner Event wirkt, ist in Wahrheit das Ergebnis konsequenter Vorbereitung.

Wintertraining bedeutet: arbeiten, wenn es unbequem ist. Dunkelheit, Kälte, wenig unmittelbares Feedback. Genau wie jene Phase, in der im Kanzleialltag Grundlagen geschaffen werden – abseits der sichtbaren „Auftritte“.

Der Halbmarathon in Lissabon Anfang März dient als Standortbestimmung. Keine Garantie, aber ein belastbarer Indikator. Auch das ist vertraut: Zwischenergebnisse sind wichtig, ersetzen aber keine Gesamtstrategie.

 

Der Start: Struktur schafft Handlungsspielraum

Der Startbereich in Blackheath – erreichbar über die London Bridge Station – wirkt fast unspektakulär.

Und gerade darin liegt seine Stärke.

Klare Organisation, definierte Abläufe, ruhige Umgebung. Wer strukturiert startet, schafft sich Optionen für alles, was später unvorhersehbar wird. Ein Prinzip, das sich eins zu eins auf komplexe Mandate übertragen lässt.

 

Der Plan – und seine Halbwertszeit

Mit dem Startschuss beginnt die Umsetzung: Rhythmus finden, Tempo kontrollieren, Ressourcen einteilen.

Ein sauberer Plan. Nur: Seine Halbwertszeit ist begrenzt.

Die Atmosphäre entlang der Strecke, die Dynamik der anderen Läuferinnen und Läufer, äußere Faktoren – all das verändert die Ausgangslage laufend.

Spätestens bei der Cutty Sark wird klar: Man kann sich vorbereiten, aber nicht alles antizipieren.

 

Umgang mit Abweichungen

Eine verpasste Verpflegungsstation. Steigende Temperaturen.

Kleinigkeiten – isoliert betrachtet. In Summe jedoch Faktoren, die Entscheidungen erzwingen.

Auf der Tower Bridge erreicht die emotionale Kurve ihren Höhepunkt. Unterstützung von außen ist enorm wertvoll – ersetzt aber nicht die eigene Steuerung.

Im beruflichen Kontext gilt dasselbe: Externe Impulse helfen, die Verantwortung für Kurskorrekturen bleibt intern.

 

Wenn Systeme ausfallen

Richtung Canary Wharf zeigt sich eine weitere Parallele: Verlässliche Systeme können ausfallen.

In diesem Fall: die Pulsuhr. Daten, die bisher Orientierung gegeben haben, sind plötzlich nicht mehr belastbar.

Was bleibt, ist Erfahrung. Körpergefühl. Einschätzung.

Übertragen auf den Kanzleialltag: Nicht jede Kennzahl ist in kritischen Situationen verfügbar oder korrekt. Entscheidend ist, ob auch ohne vollständige Datengrundlage tragfähige Entscheidungen getroffen werden können.

 

Kilometer 30: Der Realitätstest

Ab Kilometer 30 verändert sich das Feld sichtbar. Viele reduzieren das Tempo oder gehen.

Hier trennt sich nicht Talent von weniger Talent, sondern Vorbereitung von unzureichender Vorbereitung.

Der Marathon wird zum Stresstest für das, was vorher aufgebaut wurde.

Im beruflichen Alltag entspricht das jenen Phasen, in denen Projekte unerwartet komplex werden, Fristen enger, Druck höher. Die Frage ist dann nicht mehr, wie gut der ursprüngliche Plan war – sondern wie belastbar die eigene Struktur ist.

 

Mentale Steuerung unter Belastung

Die letzten Kilometer sind eine Frage der mentalen Ökonomie.

Komplexität wird reduziert:
Abschnitte statt Gesamtdistanz.
Nächster Schritt statt Gesamtproblem.

Mit dem London Eye und dem Big Ben rückt das Ziel in Sichtweite.

Doch Sichtbarkeit bedeutet nicht Erledigung. Gerade die letzten Meter erfordern konsequentes Dranbleiben.

 

Der Abschluss: Entscheidung bis zum Schluss

Die finale Passage – vorbei am Buckingham Palace, um das Victoria Memorial, hinein auf die The Mall – ist weniger ein physischer als ein kognitiver Prozess.

Erschöpfung macht sich breit, Zweifel kommen auf.

Was jetzt zählt, ist durchhalten, das Tempo nicht reduzieren.

 

Einordnung: Große Zahlen, persönliche Leistung

Mit rund 60.000 Finishern erreichte der Lauf eine neue Dimension und einen Eintrag bei den Guinness World Records.

Beeindruckend – aber letztlich zweitrangig.

Die eigentliche Leistung liegt im individuellen Umgang mit Vorbereitung, Abweichung und Druck.

 

Fazit: Parallelen, die tragen

Der London Marathon ist kein einmaliges Ereignis. Er ist ein verdichtetes Modell für Prozesse, die ich aus meinem beruflichen Alltag kenne:

  • Strategie ist notwendig, aber nicht ausreichend.
  • Abweichungen sind die Regel, nicht die Ausnahme.
  • Systeme können ausfallen – Urteilsvermögen nicht.
  • Ausdauer ist kein Talent, sondern das Ergebnis von Vorbereitung.
  • Und: Entscheidungen zählen vor allem dann, wenn es schwierig wird.

 

Oder, weniger abstrakt formuliert:

42,195 Kilometer sind lang genug, um vieles zu planen –
und genau lang genug, um zu lernen, dass Umsetzung immer Vorrang hat.

Und am nächsten Tag?
Beginnt wieder das nächste Projekt.

 

Was Sie noch interessieren könnte: